Johannes Kubik

Was ist Religion?
Anregungen zu einer wahrnehmungskompetenzorientierten Unterrichtssequenz

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„Der Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren wie mit jeder andern,
und wenn nur sein Sinn nicht gewaltsam unterdrückt […] wird […],
so müsste sie sich auch in jedem unfehlbar auf seine eigne Art entwickeln.“
(Friedrich Schleiermacher)

 

Theologische und didaktische Einordnung

Das Thema „Was ist Religion“ gehört zu den religionsunterrichtlich spannendsten Themen überhaupt. Bildet sich doch darin eine alte theologische Streitfrage ab: Kann man, wie etwa Friedrich Schleiermacher, im Ernst von einer „religiösen Anlage“ (s. o.) jedes Menschen sprechen oder muss man nicht vielmehr, wie etwa Karl Barth, annehmen, die christliche Botschaft sei etwas so radikal anderes, als es menschlicherseits erwartbar ist, dass sie eben nur „senkrecht von oben“ oder zumindest doch irgendwie „von außen“ zum Menschen kommen könne? Didaktisch gewendet stellt sich die Frage, wie man die Annahme einer religiösen Anlage heutigen Schülern und Schülerinnen1 plausibel machen kann: Denn den meisten von ihnen erscheint ja Religion als etwas so Abseitiges, Dubioses, hoffnungslos Veraltetes, dass die Annahme einer religiösen Anlage wohl das Letzte ist, das ihnen sofort einleuchten würde. In Wahrheit ist dieses Thema die Grundlage für das Verstehen religiöser Phänomene überhaupt, und somit im gewissen Sinne Grundlage für den gesamten Oberstufenunterricht, mindestens aber für das, was seit Kurzem „Wahrnehmungskompetenz“ genannt wird.

Curriculare Einordnung

Etwas vereinfacht gesagt, ist die genannte theologische Streitfrage auch abgebildet in einem prägnanten Gegensatz zwischen den demnächst außer Kraft tretenden alten niedersächsischen Rahmenrichtlinien von 19852 und dem dann in Kraft tretenden neuen Kerncurriculum für die Sekundarstufe 2 in Niedersachsen von 20113: In den alten Rahmenrichtlinien wurde etwa unter dem Leitthema „Reden von Gott in Geschichte und Gegenwart“ als beispielhafter Inhalt genannt: „K. Barth: ’Religion ist Unglaube’“ (RRL, S. 15). Unter dem Leitthema „Der Mensch auf der Suche nach Identität“ war der elementare Aspekt „Der Anspruch des Menschen auf autonome Selbstverwirklichung“ vorgesehen, als ein beispielhafter Inhalt dazu wurde genannt „Selbstverwirklichungsversuche durch idealistische Überhöhungen des Menschen“ (RRL, S. 18). Das neue Kerncurriculum sieht hingegen innerhalb der Förderung von Wahrnehmungskompetenz vor, dass die Sch. „religiöse Spuren und Dimensionen in der Lebenswelt aufdecken“ und „grundlegende religiöse Ausdrucksformen […] wahrnehmen und in verschiedenen Kontexten wiedererkennen und einordnen“ sollen (KC Sek. 2, S. 18). Und zur Förderung der inhaltsbezogenen Kompetenzen des Kompetenzbereiches „Religion und Religionen“ (KC Sek. 2, S. 30) werden als mögliche Inhalte angegeben: „Gottesdienste, sakrale Dimensionen profaner Gebäude, zivilreligiöse Feste und profane Prozessionen […], Übergangsrituale […], Fußball–Rituale, Pop–Konzerte“ sowie „Religion als Sinnstiftung, Gemeinschaftsbildung, ethische Orientierung, Kontingenzbewältigung, Religion als Glaube an Gott, als Verhalten zum Unverfügbaren, als ’das, was uns unbedingt angeht’ (Paul Tillich)“, KC Sek. 2, S. 31).

In diesem Aufsatz möchte ich daher eine erprobte, Wahrnehmungsorientierte Sequenz zum Thema „Was ist Religion?“ vorstellen, die sowohl einige der popkulturellen Vorschläge aus dem KC wie auch Tillichs Religionsbegriff aufgreift.

Didaktische Erwägungen zum Zusammenhang des Themas „Was ist Religion“ mit dem Thema „Religion in der Popkultur“

Meiner theologischen und didaktischen Einsicht nach muss die Frage „Was ist Religion?“ im Religionsunterricht der Oberstufe darauf zielen, Religion (oder auch Religiosität) als eine anthropologische Gegebenheit zu erweisen, wie es etwa in dem diesem Aufsatz als Motto vorangestellten Zitat aus Schleiermachers Reden über die Religion von 1799 zum Ausdruck kommt. Wenn das gelingt, kann man hoffen, dass Religion den heutigen Jugendlichen nicht länger insgesamt suspekt erscheinen wird, und aus ihrer Sicht nur etwas für so sonderbare Personen wie Pastoren oder Religionslehrkräfte sei.

Auf der Suche nach einer Weise, wie dieses Ansinnen gelingen kann, bin ich auf das Thema „Religion in der Popkultur“ gestoßen: Dieses Thema, das eigentlich zunächst weder identisch ist noch zwingend verknüpft werden muss mit dem Thema „Was ist Religion?“, hat sich in meiner unterrichtlichen Erfahrung als der Schlüssel zur unterrichtlichen Erschließung der Frage „Was ist Religion?“ erwiesen. In jüngster Zeit wird allerdings zunehmend von den eigenen Vertretern damit begonnen, auf das Thema „Religion in der Popkultur“ den Abgesang zu singen, weil eine einfach Frage sich scheinbar nicht beantworten ließ: Was eigentlich sollen Sch. mit diesem Thema genau anfangen und lernen? Folgt man den Darstellungen der frühen Phase der Popkulturtheologie, so könnte man meinen, die Sch. sollten hauptsächlich lernen, dass die Popkultur der Hochkultur in nichts nachstehe, weder inhaltlich, noch didaktisch.4 Die neueren Texte der Popkulturtheologie hingegen warnen, man müsse sich doch vor überzogenen Erwartungen an das Thema hüten, im Grunde habe das Thema ausgedient.5 Aber das ist m. E. eine ganz falsche Alternative: Durch die Beschäftigung mit dem Thema „Religion in der Popkultur“ sollen die Sch. durchaus nicht lernen, dass Popkultur und Hochkultur „gleich“ seien, nur weil in beiden religiöse Zeichen vorkommen6 oder irgendeine altbackene Medienkritik lernen, und schon gar nicht, die Hochkultur sei irgendwie doch „besser“. Und sie sollen schließlich auch nicht ewige kunstgeschichtliche Parallelisierungen durchführen, die dann am Ende irgendwie doch gar nichts bringen. Sondern sie sollen schlicht und einfach staunen, dass nicht nur in der Hochkultur (das setzen sie voraus), sondern auch in der Popkultur religiöse Zeichen und Botschaften verwendet werden (damit rechnen sie nicht, da doch die Popkultur „modern“ und „cool“, eben scheinbar der Hochkultur in toto entgegengesetzt ist). Und auf diesem Wege kann die Einsicht angebahnt werden, dass Religion eine anthropologische Gegebenheit ist.

Das Thema „Religion in der Popkultur“ ist also keineswegs erledigt, jedenfalls nicht für den Religionsunterricht, wenn man seinen didaktisch angemessenen Ort bestimmt. Und als dieser didaktisch angemessene Ort erweist sich eben gerade das Thema „Was ist Religion?“ Ich will also die Vermutung zur Diskussion stellen, dass das Thema „Religion in der Popkultur“ besonders dann unterrichtlich fruchtbar gemacht werden kann, wenn man es einbettet in das Thema „Was ist Religion?“

Überlegungen zu einem adäquaten Zugang

Das Entscheidende bei dieser Sequenz ist ein wirklich induktiver Zugang. Man darf die Sequenz auf keinen Fall mit einer Ankündigung der folgenden Art beginnen: „Wir werden uns jetzt mit der Frage ‚Was ist Religion?’ beschäftigen. Dazu sehen wir einen Videoclip. Ihr werdet sehen, dass da viele religiöse Elemente drinstecken“. Genauso ungeschickt wäre es, am Anfang der Sequenz Texte zu lesen, in denen bereits als Ergebnis mitgeteilt wird, es fänden sich in vielen Stellen der Lebenswelt religiöse Spuren und Zeichen.7 Bei einem solchen Vorgehen können die Lernenden gar nicht anders, als dem zu widersprechen und die Lehrkraft zu verdächtigen, weil sie eine Religionslehrkraft sei, könne sie natürlich überall Religion hineingeheimnissen. Wohlgemerkt: Solche Texte kommen in der Sequenz natürlich auch vor, sie sind wichtig – aber eben auf keinen Fall am Anfang der Sequenz, wenn die Sch. die Phänomene noch nicht selber entdeckt haben.

Die nun zu beschreibende Sequenz hat zwei Hauptteile: Der erste beschäftigt sich mit Beispielen von Religion in der Popkultur, der zweite mit exemplarischen Aspekten zum Religionsbegriff.

Erster Hauptteil der Sequenz:
Religion in der Popkultur

Der Videoclip zum Earthsong von Michael Jackson

Der Einstieg in die Sequenz kann über einen Videoclip mit religiösen Botschaften erfolgen. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem Clip zum Earthsong von Michael Jackson gemacht, natürlich sind auch andere Clips denkbar8. Wichtig ist, dass den Sch. am Anfang weder das Sequenzthema („Was ist Religion?“) noch eine bestimmte Sehaufgabe zu dem Videoclip gegeben wird. Vielmehr sollen die Sch. im Laufe der Auseinandersetzung mit dem Clip die religiösen Zeichen selber entdecken. In zwei Doppelstunden kann Folgendes geschehen: Der Clip wird zunächst gesehen, Ersteindrücke werden gesammelt. Entdeckungen der Sch. zu religiösen Zeichen werden verstärkt und zum Anlass genommen, dies als weiteren Untersuchungsgegenstand zu markieren. Vor einem zweiten Sehen des Clips entwickeln die Sch. selber spezifische Sehaufträge, etwa zur Beschreibung des Clips (religiöse Botschaften im Liedtext, ihre filmische Umsetzung, Handlung, Emotionen), zur Aussageintention, zur Rolle der Hauptfigur Michael Jackson (Tätigkeiten, Gesten, religiöser Typus), und zu religiösen Zeichen und Symbolen im Clip. Das erneute Sehen fördert eine Fülle an religiösen Zeichen und Botschaften zu Tage9, auf die die Sch. meistens vollständig selber stoßen.

Religiöse Zeichen in Werbeanzeigen

Im zweiten Schritt kann eine Werbeanzeige mit religiösen Zeichen betrachtet werden. Auch hier ist es wichtig, den Sch. nicht schon eine bestimmte Richtung der Betrachtung der Werbeanzeige mitzugeben. Erneut hängt alles davon ab, dass die Sch. die religiösen Zeichen selber entdecken. Auf der Suche nach geeigneten Werbeanzeigen ist neben den einschlägigen Büchern von Mertin / Futterlieb, Werbung im Religionsunterricht und Buschmann / Pirner, Werbung, Religion, Bildung der Weg über http://images.google.de (Eingabe: „Religiöse Werbung“) zu empfehlen. Meiner Erfahrung nach ist es besonders wichtig, dass man eine solche Werbeanzeige verwendet, deren religiöse Zeichen erst auf den zweiten Blick erkennbar sind, also z. B. nicht eine Werbeanzeige mit ausdrücklich religiösen Vokabeln („Sünde“, „Adam und Eva“, „Glaube“…), sondern eher eine, die auf indirekte Weise das „Transzendenzbedürfnis“ anspricht. Beispiele dafür wären eine VW–Werbung mit einem etwas über dem Boden schwebenden bärtigen Meditierenden oder eine Werbung für das Bogner–Eau de toilette „Deep forest“10. Das unterrichtliche Vorgehen kann wiederum ganz ähnlich erfolgen: Die Sch. beschreiben Zeichen der Werbung, sie stoßen irgendwann auf die religiösen Zeichen. Dies wird von der Lehrkraft verstärkt.

An dieser Stelle kann man natürlich fragen: Wäre es nicht besser, dass die Sch. selber Clips, Werbeanzeigen oder Filme mit religiösen Zeichen mitbringen, anstatt dass die Lehrkraft welche vorgibt? Ein solches Vorgehen hat natürlich zunächst alle Argumente auf seiner Seite. Aber man hat es hier mit einem Gegenstand zu tun, bei dem die Sch. immer schon mit Vorurteilen belastet sind. Würde man die Sch. bitten, einen Film mit religiösen Zeichen mitzubringen, so würden sie Jesusfilme, Filme über die Kirche, den Papst oder berühmte religiöse Gestalten mitbringen.

Die Maslow’sche Bedürfnispyramide

Nach diesen ersten beiden Unterrichtsschritten beginnen die Sch. nach meiner Erfahrung unruhig zu werden, und ihr Unbehagen zu artikulieren über das Vorhaben der Lehrkraft, überall Religion hinein zu geheimnissen. Sie bringen auch erste ideologiekritische Einwände: Die Verwendung der religiösen Zeichen in Videoclip und Werbung sei „gar nicht ernst gemeint“, sie diene vielmehr ökonomischen Interessen etc. Diese Einwände sollten nicht etwa zurückgewiesen werden, sondern im Gegenteil aufgenommen mit der Frage: Warum um alles in der Welt sollten Werbestrategen auf die Idee kommen, statt leicht bekleideter Frauen dienten ausgerechnet religiöse Zeichen der Absatzsteigerung des beworbenen Produktes? Hat nicht Religion gerade die der Absatzsteigerung entgegengesetzte Wirkung der totalen Abtörnung? – Die Wirkung dieser Rückgabe der Frage kann verblüffend bis schlagend sein. Wichtig ist nun, dass die so angerissenen Horizonte sogleich aufgenommen werden, was meiner Erfahrung nach besonders gut möglich ist mit der Maslow’schen Bedürfnispyramide: In ihr entwickelte der amerikanische Psychologe Abraham Maslow eine Hierarchie menschlicher Bedürfnisse, zuerst 1958 in sechs Stufen, die sich in zwei Gruppen einteilen lassen: In der ersten Gruppe der „Defizitbedürfnisse“ lokalisiert er „Körperliche Grundbedürfnisse“, „Sicherheit“ und „Soziale Beziehungen“. Das Bedürfnis nach „Sozialer Anerkennung“ stellt die Schnittstelle zur zweiten Gruppe der so genannten „Wachstums–“ oder auch „unstillbaren Bedürfnisse“ dar, zu denen auch „Selbstverwirklichung“ und – allerdings erst nach einer entscheidenden Erweiterung des Modells im Jahre 1970 – „Transzendenz“ gehören.11 Ist dies erarbeitet, so ist es nicht mehr schwer, als Taktik der Werbestrategen zu entdecken, dass in Werbeanzeigen mit religiösen Zeichen eben gerade das von Maslow so bezeichnete Transzendenzbedürfnis angesprochen werden soll. Wenn das Transzendenzbedürfnis aber den Werbestrategen gewinnträchtig erscheint, dann setzen sie es offenbar bei allen, oder zumindest vielen Menschen voraus. Damit ist man unterrichtlich bei einer Vorstufe der Einsicht, dass Religion eine anthropologische Konstante ist, angelangt.

Religiöse Zeichen im Film Matrix 1

Meiner Erfahrung nach ist es besonders instruktiv, die bisher gewonnen Erkenntnisse nun nochmals auf einen neuen Gegenstand anzuwenden, denn nun kann die Lehrkraft die Früchte ihrer Arbeit einfahren. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, nun einige Ausschnitte aus dem ersten Film der Matrix–Trilogie zu zeigen. Dazu eignen sich etwa folgende Ausschnitte, die – zusammen mit ein paar wenigen Erläuterungen – bereits ausreichen, um ein Bild vom Ganzen des Films zu vermitteln:

1. Ausschnitt: „Einführung in das Wesen der Matrix“ (Titel 8–13; 25:09–44:31): Von Morpheus’ Worten „Du fühlst dich im Moment sicher wie Alice im Wunderland“ bis zu seinen Worten „Du hast Einiges vor dir. Ruh’ dich aus!“

2. Ausschnitt: „Der Verräter“ (Titel 19; 58:39–1:02:36): Von Cyphers Worten „Neo! Hast Glück, dass ich vor Schreck nicht gestorben bin!“ bis zu seinen Worten „Ihr kriegt den Mann, der sie kennt“.

3. Ausschnitt: „Das Wunder“ (Titel 25–26; 1:22:29–1:27:43): Von Cyphers Worten „Wo sind sie?“ bis zur Umarmung von Trinity und Tank.

4. Ausschnitt: „Tod und Auferstehung“ (Titel 35–38; 1:53:57–2:04:09 [Schluss]): Von Trinities Frage „Was ist passiert?“ bis zum Schluss.

Vor dem Beginn des Sehens kann nun – anders als bei den ersten zwei Schritten (Videoclip, Werbeanzeige) – den Lernenden ein klarer Sehauftrag gegeben werden, sie sollen auf religiöse Zeichen achten, von denen es in Matrix 1 nur so wimmelt. Die Sch. sind nun ohne weiteres in der Lage, diese Zeichen auch zu entdecken. Der im Anhang beigegebene Text (M 1) gibt nur die wichtigsten wieder.

Zwischenresümee und Übergang

Mit diesen vier Elementen (Videoclip, Werbeanzeige, Bedürfnispyramide, Film) ist der erste Hauptteil der Sequenz abgeschlossen. Selbstverständlich ist es auch möglich, noch weitere populärkulturelle Medien auf ihre religiösen Gehalte zu untersuchen, wie z. B. Stadionfangesänge von populären Fußballvereinen wie Bayern München („Stern des Südens“), Werder Bremen („Werder Bremen, lebenslang grün–weiß“) oder – besonders eindrücklich! – FC Liverpool („You’ll never walk alone“12) oder auch religiöse Zeichen in der Inszenierung von Computertechnologie13, im Motorradkult14 usw.

Zweiter Hauptteil der Sequenz:
Exemplarische Aspekte des Religionsbegriffs

Tillichs Religionsbegriff

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, den Sch. nun den Tillich’schen Religionsbegriff nahe zu bringen, weil er im Hinblick auf das Verstehen von religiösen Zeichen in der Populärkultur am erschließungskräftigsten ist. Es ist wichtig, den Tillich’schen Religionsbegriff nicht einfach mit der Kurzformel, Religion sei das, was uns unbedingt angeht, einzuführen, sondern z. B. mit Hilfe eines etwas ausführlicheren Textausschnittes aus einem kurzen Text Tillichs15. Im Folgenden sollen einige theologische Hinweise zu einer gekürzten Version dieses Textes (M 2) gegeben werden: Tillich legt dar, die Religion solle nicht mit der Frage nach der Existenz eines höchsten Wesens, genannt Gott, beginnen. Denn so zu fragen, führe nicht zu Gott, sondern zu Atheismus (!). Religion sei vielmehr die „Tiefendimension in allen Geistesfunktionen“. Um dieses Religionsverständnis plausibel zu machen, schildert Tillich einen fiktiven Gang der personifizierten Religion durch die verschiedenen Geistesfunktionen: Die Religion versucht nacheinander, in der Ethik, in der Erkenntnis, in der Ästhetik heimisch zu werden. Stets ergeben sich zwar Schnittmengen, aber am Ende sind Religion und jede dieser Geistesfunktionen doch verschiedene, ja sogar konkurrierende Bereiche. Die Religion ist, so stellt sich heraus, mit keiner der Geistesfunktionen einfach identisch, sondern sie erweist sich als deren Tiefendimension. Und genau (bzw. nur) in diesem Sinne ist sie „das, was uns unbedingt angeht“. Das wird von Tillich in einem erneuten Durchgang durch die drei Geistesfunktionen veranschaulicht, der rhetorisch auffällig gestaltet ist: Mit drei Mal exakt den gleichen einleitenden Worten erläutert Tillich nämlich: „Das was uns unbedingt angeht, wird offenbar“ in der Ethik (dann im Erkennen, dann in der Ästhetik) als „unbedingter Ernst der ethischen Forderung“ (dann als „leidenschaftliches Verlangen nach letzter Realität“, dann als „unendliche Sehnsucht nach Ausdruck letzten Sinns“). Und ebenso rhetorisch gestaltet betont Tillich in drei Mal exakt den gleichen einleitenden Worten: „Verwirft man die Religion im Namen der Ethik [dann der Erkenntnis, dann der Ästhetik], so verwirft man die Religion im Namen der Religion.“ Das heißt: Aus der Sicht eines flachen Religionsverständnisses muss die Religion von der Ethik verworfen werden. Aber die Religion ist, wenn sie auch nicht identisch mit der Ethik ist, deren Anliegen gar nicht abgeneigt, sondern ist im Gegenteil deren Tiefendimension.

Unterrichtlich lässt sich die Textlektüre durch folgende Arbeitsschritte unterstützen: 1. Für alle drei genannten Geistesfunktionen, in denen die Religion auf je spezifische Weise ihren Charakter als Tiefendimension offenbart, lassen sich im Unterricht bei Bedarf ohne Weiteres veranschaulichende Beispiele finden, etwa der unbedingte ethische Ernst Sophie Scholls, das leidenschaftliche Verlangen nach letzter Realität in Goethes Faustfigur, die „unendliche Sehnsucht nach Ausdruck letzten Sinns“ in bestimmten Kunstwerken oder Musikstücken. 2. Als Vorentlastung des Textes und zur Fluchtung der Leserichtung, kann man eine Podiumsdiskussion zum Thema „Was ist Religion?“ vorschalten und mit Hilfe von Rollenkarten (Religion 1. als Denken, 2. Gefühl, 3. Handeln, 4. Kunst) inszenieren.

Kritik an einem flachen Religionsverständnis

Im nächsten und letzten Schritt kann man mit den Sch. nun auch bestimmte Verzerrungen oder unzulässige Vereinfachungen von Religion thematisieren. Dazu eignet sich nach meiner Erfahrung besonders eine Kombination folgender zweier Materialien: Ein kurzer Text aus dem Buch von Thomas Luckmann, Die unsichtbare Religion (M 3), in welchem dieser eine bestimmte Sicht der empirischen Religionssoziologie seiner Zeit kritisiert, und eine Statistik mit Ergebnissen einer im SPIEGEL Nr. 21 (1999) abgedruckten Umfrage zu religiösen Einstellungen aus dem Jahre 199916. Die Umfrage sollte (anders als es intuitiv nahe läge) nicht zuerst behandelt werden, weil vor ihrem Hintergrund die (vorher zu bearbeitende) Kritik Luckmanns an einem flachen Religionsverständnis besonders konturenscharf wird. Vermutlich ließen sich auch neuere Umfragen zu religiösen Einstellungen finden, aber speziell die genannte Umfrage lässt sich besonders gut auf den Luckmann–Text beziehen: In dem nicht ganz leichten Textausschnitt legt Luckmann dar, dass die empirische Religionssoziologie, die sich daran macht, Religion zu messen, häufig den grundlegenden Fehler macht, Religion und Kirche gleichzusetzen, wodurch Religion dann nur noch als sozialer Tatbestand wahrgenommen werden kann, nämlich als Ritual (institutionalisiertes religiöses Verhalten) oder Doktrin (institutionalisiertes religiöses Wissen). Die „objektive“ Dimension von Religiosität werde völlig verkürzend anhand verschiedener Beteiligungsinstanzen (v. a. Gottesdienstbesuch) gemessen; die „subjektive“ Dimension von Religiosität werde (ebenso verkürzend) einfach mit religiösen Meinungen und Einstellungen (Dogmen, Positionen, Ablehnung und Zustimmung, Meinungsskalen) gleichgesetzt.

Speziell die Kritik an der empirischen Messbarkeit subjektiver Religion können die Sch. leicht auf die nun zu behandelnde SPIEGEL–Umfrage anwenden, da darin alle von Luckmann genannten Sünden der empirischen Religionssoziologie auch wirklich begangen wurden: Den Befragten wurden erstens historische Aussagen zu Jesus vorgelegt ( z. B. „Jesus wurde von einer Jungfrau geboren“), die die Befragten bejahen oder verneinen konnten. Zweitens wurden die Befragten gebeten, auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf Sympathiewerte für religiöse Personen und Institutionen zu vergeben. Drittens wurden die Befragten gebeten, sich zu bestimmten Glaubensaussagen über Jesus ablehnend oder zustimmend zu verhalten und viertens zu Glaubenssaussagen über Gott (z. B. „Ich glaube, dass es Gott gibt“).

Abschluss der Sequenz

Nun erst, nämlich als Sicherung und mögliche Klausurtexte kommen die oben bereits mehrfach erwähnten Texte in Frage, die bereits als Ergebnis mitteilen, dass sich in der Lebenswelt, in der Popkultur viele religiöse Botschaften und Zeichen finden.

Schluss

Es ist wahrscheinlich eine Frage der Grundüberzeugung (und Grundüberzeugungen haben die Eigenart, am Ende nicht mehr rational, sondern eher intuitiv oder individuell-erfahrungsbezogen begründet zu sein), ob man meint, der christliche Glaube habe dann Erfolg, wenn man (wie Barth) mit der Tür ins Haus fällt, oder wenn man (wie Tillich) annimmt, dass es ein grundlegendes religiöses Bedürfnis gibt, das, wenn der Geist will, christlich gefüllt werden kann. Ich tendiere zum Letzteren. Ermutigt hat mich dazu u. a. folgendes Erlebnis: Vor einigen Jahren unterrichtete ich im 11. Jahrgang eine Schülerin, die noch nie am Religionsunterricht teilgenommen hatte, sondern stets am Ersatzfach Werte und Normen, und sich dezidiert und vehement als unreligiös bezeichnete. Ich hatte sie eingeladen, in meinen Religionsunterricht zu wechseln, was sie nach erheblichem Zögern schließlich auch tat. Am Ende der Sequenz, die ich in diesem Aufsatz beschrieben habe, gab sie im Rahmen einer schriftlichen Rückmeldung, um die ich alle Sch. (ohne inhaltliche Vorgaben) gebeten hatte, folgendes schriftliche Statement: „Ich bin vielleicht nicht religiöser geworden, hab’ aber gemerkt, wie religiös ich sowieso schon bin (Danke an Herrn Tillich)“.

Anmerkungen

  1. Schülerinnen und Schüler werden im Folgenden mit „Sch.“ abgekürzt.
  2. Nds. Kultusministerium: Rahmenrichtlinien für das Gymnasium. Ev. Religionslehre. (1985). Im Folgenden zitiert als „RRL“.
  3. Nds. Kultusministerium: Kerncurriculum für das Gymnasium – gymnasiale Oberstufe. Ev. Religion (2011). Im Folgenden zitiert als „KC Sek. 2“.
  4. So war beispielsweise A. Mertin, Videoclips im Religionsunterricht, S. 14, im Jahre 1999 noch davon überzeugt, man könne im Unterricht etwa anhand von Videoclips über „religiöse Fragen […] ebenso gut […] diskutieren, wie an den […] Werken der Kunstgeschichte.“
  5. In einer 2009 erschienenen Besprechung des von H. Schroeter–Wittke herausgegebenen Buches Popkultur und Religion stellt etwa der gleiche A. Mertin, Wie ein fernes Raunen, die Diagnose, „dass der popkulturelle Ansatz in der Theologie notwendig scheitern muss und faktisch auch gescheitert ist“ und schickt sich an, die bisherige Auseinandersetzung mit der Popkultur inklusive seiner eigenen kritisch zu hinterfragen. Er sei nunmehr der Meinung, es mache „keinen Sinn mehr, die Popkultur polemisch gegen die Hochkultur auszuspielen.“
  6. Vgl. dazu ausführlicher J. Kubik: Religiöse Botschaften in Videoclips, S. 18-19.
  7. Beispiele für solche Texte wären z. B. W. Gräb: Religiöse Spurensuche, in: ElfZwölf, S. 24f.; A. Schilson: Religion entdecken.
  8. Ideen findet man z. B. bei A. Mertin: Videoclips im Religionsunterricht. Den Videoclip zum Earthsong von Michael Jackson findet man leicht im Internet, z. B. unter www.dailymotion. com/video/x4flff_michael-jackson-earth-song_music, vgl. dazu J. Kubik: Religiöse Botschaften in Videoclips. Dort habe ich eine Unterrichtssequenz zu diesem Videoclip dargelegt.
  9. Vgl. dazu meine Auflistung in J. Kubik: Religiöse Botschaften in Videoclips (im Internet unter www.rpi-loccum.de/kuvideo.html).
  10. Einen Abdruck jeder dieser beiden Werbeanzeigen findet man z. B. bei A. Mertin / H. Futterlieb: Werbung als Thema des Religionsunterrichts, S. 39 bzw. 103.
  11. Die Bedürfnispyramide (aber unbedingt die mit der oben genannten Erweiterung von 1970!) ist in Psychologiehandbüchern leicht auffindbar, z. B. bei P. G. Zimbardo: Psychologie, im Internet z. B. unter http://images.google.de (Eingabe: Maslowsche Bedürfnispyramide).
  12. Einen guten Eindruck, wie dieses Lied seine Wirkung quasi als Introitus im Stadion entfaltet, erhält man z. B. unter www.youtube.com/watch?v=Y7xvegPH_Lw. Vgl. dazu die Deutung dieses Liedes als christliches bei N. Husmann / K. Kahane: You’ll never walk alone.
  13. Siehe z. B. die Beschreibung der religiösen Inszenierung des iPhones bei F. Müller: Angebissen, oder auch den Text Ist Apple eine Religion? in der Onlineausgabe der FR vom 3.7.2011.
  14. Vgl. dazu J. Wagner: Schauen, Schrauben, Fahren. Motorräder sind Fetische voller religiöser Mucken.
  15. P. Tillich: Religion als eine Funktion des menschlichen Geistes?
  16. Unter www.spiegel.de/spiegel/print/d-13436490.html findet man diese Umfrage auch im Internet.

Literatur

Buschmann, Gerd / Pirner, Manfred L.: Werbung, Religion, Bildung. Kulturhermeneutische, theologische, medienpädagogische und religionspädagogische Perspektiven. Frankfurt/M. 2003.
Husmann, Nils / Kahane, Kitty: You’ll never walk alone. Mit Audio-CD. edition Chrismon. München 2008.
Koretzki, Gerd-Rüdiger / Tammeus, Rudolf (Hg.): ElfZwölf. Religion entdecken verstehen gestalten. Ein Unterrichtswerk für den evangelischen Religionsunterricht. Göttingen 2008.
Kubik, Johannes: Paul Tillich und die Religionspädagogik. Religion, Korrelation, Symbol und Protestantisches Prinzip. Göttingen 2011.
Ders.: Religiöse Botschaften in Videoclips, in: Loccumer Pelikan 1/2001, S. 14-19. (www.rpi-loccum.de/kuvideo.html).
Luckmann, Thomas: Die unsichtbare Religion (1967). Frankfurt/M. 2005.
Mertin, Andreas: Videoclips im Religionsunterricht. Eine praktische Anleitung zur Arbeit mit Musikvideos. Göttingen 1999.
Ders. / Futterlieb, Hartmut: Werbung als Thema des Religionsunterrichts. Göttingen 2001.
Ders.: Wie ein fernes Raunen … Best of … Popkultur und Religion, in: Tà katoptrizómena. Das Magazin für Kunst, Kultur, Theologie, Ästhetik 11 (2009), Heft 61 (www.theomag.de/61/am297.htm).
Müller, Frank: Angebissen, in: Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 25 (31. 8. 2007), S. 30-35.
Nds. Kultusministerium: Kerncurriculum für das Gymnasium – gymnasiale Oberstufe, die Gesamtschule – gymnasiale Oberstufe, das Berufliche Gymnasium, das Abendgymnasium, das Kolleg. Evangelische Religion. Hannover 2011.
Dass.: Rahmenrichtlinien für das Gymnasium. Evangelische Religionslehre. Gymnasiale Oberstufe. Hannover 1985.
Schilson, Arno: Religion entdecken. Vielfältige religiöse Spuren in der Gegenwartskultur, in: Herderkorrespondenz 4/1998, S. 197ff. und 5/1998, S. 256ff.
Schroeter-Wittke, Harald (Hg.): Popkultur und Religion. best of … Jena 2009.
Tillich, Paul: Religion als eine Funktion des menschlichen Geistes? (1955), in: Ders., Gesammelte Werke Bd. 5, Stuttgart 1964, S. 37-42; auch abgedruckt in: Ders., Die verlorene Dimension. Not und Hoffnung unserer Zeit. Ein Stundenbuch, Hamburg 1962, S. 20-29.
Wagner, Jochen: Schauen, Schrauben, Fahren. Motorräder sind Fetische voller religiöser Mucken, in: Frankfurter Rundschau vom 17.2.2001.
Zimbardo, Philip G.: Psychologie. München 182008.

Dr. Johannes Kubik unterrichtet Evangelische Religion und Mathematik am Max-Planck-Gymnasium Göttingen und ist Fachberater für das Fach Evangelische Religion.




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Beitrag aus: Loccumer Pelikan 4/11, S. 179-186

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